Das Weiterleben der Ruth Klüger
Ditta Rudle über den Film von Renata Schmidtkunz
An ihrem 80. Geburtstag kam Ruth Klüger in ihre Geburtsstadt (die sie nicht gern Heimatstadt nennt, denn Heimat ist ihr Wien nicht), um als Gast der Viennale 2011 an der Uraufführung des von Renata Schmidtkunz gedrehten Films mit ihr teilzunehmen. Stehend brachte ihr das Publikum im Gartenbaukino seine Ovationen entgegen, während Viennale-Chef Hans Hurch einen Riesenstrauß roter Rosen überreichte. Die 80-jährige Dame strahlte, Bekanntheit und Verehrung tun ihr wohl, „beleben" sie, wie sie sagt und freuen sie diesmal besonders, ist doch ihr erstgeborener Sohn, Percy, mitgekommen, und der soll stolz auf seine Mutter sein.
Vor drei Jahren, als Wien ihr erstes Buch, „Weiter leben. Eine Jugend" in der Stadt verteilen ließ und Ruth Klüger zu einem Galadiner im Rathaus eingeladen war, hatte ihr zweiter Sohn, Dan, mit seiner Frau und den beiden Kindern Wien besucht und auch damals freute sich die Mutter über die öffentliche Ehrung, damit die amerikanischen Verwandten sehen konnten, dass sie „etwas gilt“.
Doch diese Szene ist bereits Teil des Porträts, das die Journalistin und Filmemacherin Renata Schmidtkunz von Ruth Klüger in mehrjähriger Arbeit gedreht hat. Der Applaus nach den 70 Minuten gilt nicht nur der Hauptperson, der renommierten Germanistin, Autorin und gestrengen Lehrerin, sondern auch der Drehbuchautorin und Regisseurin für den einfühlsamen und aussagekräftigen Film, mit der gewiss nicht einfachen alten Dame. „Landschaften der Erinnerung – Das Weiterleben der Ruth Klüger" nennt Schmidtkunz die Dokumentation, in der die Kamera die mehrfach geehrte Autorin nicht nur zu Hause in Kalifornien zeigt, sondern auch bei Besuchen in Wien, wo sie geboren ist, Göttingen, wo sie einen Lehrauftrag hatte, Bergen-Belsen, das ihr erspart geblieben ist und Israel, das sie gerne als ihr Land bezeichnen würde, doch dieser Wunsch muss im Konjunktiv bleiben.
Ruth Klüger, geboren 1931, ist ein Wiener Kind, aufgewachsen im 7. Bezirk, und doch hat sie ein gespaltenes Verhältnis zu dieser Stadt, die sie als „kinderfeindlich, judenkinderfeindlich" erlebt hat.
1938 floh der Vater, ein Gynäkologe, nach Frankreich. Ruth hat ihn nie wieder gesehen, er wurde, wie die Mutter, von den Nationalsozialisten umgebracht. Auch die kleine Ruth wurde ins KZ gesteckt, doch auf einem sogenannten „Todesmarsch", als sie nach Bergen-Belsen verlegt werden sollte, konnte sie knapp vor Kriegsende fliehen. „Zufall" nennt sie ihre Rettung, „Schicksal", meint sie, „ist, dass ich eine österreichische Jüdin bin". Gerne wäre sie in Israel zu Hause, doch als sie in den späten 1940er Jahren immigrieren wollte, bedeutete man ihr, dass sie nicht willkommen sei: „Sie brauchten Soldaten für ihren Krieg." So ging Ruth mit ihrer Mutter nach Amerika, studierte Literaturwissenschaft und auch Germanistik. Ihre Dissertation schrieb sie über das „barocke Epigramm". 1952 heiratete sie den in Berlin geborenen späteren Historiker Werner Angress (gest. 2010), bekam zwei Kinder und ließ sich wieder scheiden: „Werner war auch danach ein guter Freund, aber ein schrecklicher Ehemann." Ruth Klüger hat weder mit ihrem Mann noch mit ihren Kindern deutsch gesprochen. Anfangs konnte und wollte sie nicht, später wollten die Buben, „wie Buben halt so sind", nicht. Jetzt tut es den erwachsenen Söhnen Leid, dass sie die Sprache ihrer Mutter nicht sprechen können.
Renata Schmidtkunz gelingt es, Ruth Klüger nicht nur als hoch geehrte Wissenschaftlerin, viel gelesene Autorin und engagierte Feministin zu zeigen, sondern auch als private Person. Als eine Persönlichkeit, die weiß was sie sagt und dazu steht, die unsentimental und realistisch trotz ihres Alters nach vorn blickt und dennoch die Vergangenheit nicht verleugnet.
Doch sie hat einen eigenen Blick auf diese, hält nichts von frommen Sprüchen („die nur die Lebenden beruhigen und den Toten nicht helfen") und unterscheidet (nicht nur als Sprachwissenschaftlerin) „zwischen verdrängen, vergessen und überwinden." Als sie sich ihre Tätowierung mit der KZ-Nummer wieder entfernen ließ, ist ihr mehrfach Kopfschütteln und Unverständnis begegnet. „Doch mir ging es auf die Nerven, dass die Leute in Deutschland und Österreich immer auf die Nummer gestarrt haben und manchmal auch aggressiv reagiert haben, als ob ich das absichtlich zur Schau stellte."
Obwohl Ruth Klüger niemals klagt und an ihrem Geburtstag in Wien sagt, dass sie sich freute, dürft sie noch ein wenig länger leben, nennt sie ihr Leben nicht „schön", die Jugend in Wien und die Jahre der Gefangenschaft sitzen zu tief. Wenn sie im Film ihren Gedanken freien Lauf lässt, wird deutlich, dass sie von Wien, ihrer Geburtsstadt, und der europäischen Kultur nicht los kommt. Immer wieder fällt ihr ein, dass sie eine Zerrissene ist, „dazwischen" lebt, zwischen Europa und Amerika, zwischen Traumatisierung und Kindheitstraum, zwischen den Sprachen und Kulturen, zwischen Misstrauen und Vertrauen, in der Zwiespältigkeit der Gefühle.
Zu schreiben hat sie erst begonnen, als sie wegen einer Herzkrankheit im Spital lag und ihr die Ärzte nur noch ein kurzes Leben gaben. „Dank des Herzschrittmachers habe ich jetzt auch die Ärzte überlebt", setzt Ruth Klüger, wie so oft, eine Pointe. Damals jedenfalls dachte sie, dass sie sich erinnern müsste, mitteilen, wie es war. „Zu meiner allergrößten Verblüffung wurde ,Weiter leben’ ein Bestseller." Der Bann aber war gebrochen, inzwischen hat Ruth Klüger ein zweite Erinnerungsbuch, „unterwegs verloren", veröffentlicht und zahlreiche literaturwissenschaftliche und feministische Werke („Frauen lesen anders", „Was Frauen schreiben", beide bei Zsolnay erschienen).
Klüger ist eine eigenwillige Frau, die auch in der Frage der Naziverbrechen oder des Feminismus nicht dem Mainstream folgt und mit ihrer Meinung niemals hinter dem Berg hält. So sagt sie, dass sie nicht der eigentliche Unterschied zwischen Opfern und Tätern interessiert, sondern „zwischen Opfersein und Freisein“. An die Möglichkeit, vergeben zu können, glaubt sie nicht. „Wem soll ich anonym dafür vergeben, dass mein Vater ermordet wurde?"
An ein „Nie wieder" glaubt die Realistin Ruth Klüger ebenso wenig. Für sie persönlich, sagt sie vor dem Holocaust Memorial in Yad Vashem, geht es „um die Bewältigung der Gegenwart und nicht um die der Vergangenheit." Und doch bleibt Wien eine Wunde: „Wiens Wunde, die ich bin und meine Wunde, die Wien ist, sind unheilbar." Diesen Satz stellt Schmidtkunz ihrem Film voran.
Nicht der unverhoffte Besuch in Bergen-Belsen, wo sie als Teenager hätte sterben sollen, und nicht der Besuch ihres Elternhauses mit dem Sohn, hätte sie an dem Porträt-Film am meisten berührt, sagt sie, sondern eine kleine Szene am Gedenkstein für Anne Frank. Als Besucherin suchte sie auf dem Gelände des KZs von Bergen-Belsen einen Stein, um ihn nach jüdischem Brauch auf den Grabstein zu legen. Weit und breit war keiner zu finden, da hebt Renata Schmidtkunz einen kleinen Kiesel auf und reicht ihn ihr: „Das hat mich angerührt. Renata könnte ja meine Tochter sein. Das zeigt mir, dass es eine Verbindung gibt zwischen den Generationen, ein Verstehen." Im aufschlussreichen Gespräch nach der Premiere des Films im Rahmen der Viennale zieht sie ein Resümee: „Es war ein volles Leben. Es war wie's war. Man sollte in meinem Alter einen Punkt setzen und sich nicht dauernd Gedanken machen, wie es anders hätte sein können. Es war nicht immer gut, aber es war viel."
Renata Schmidtkunz hat Ruth Klügers Vertrauen erworben und von ihren Erinnerungen und Gedanken mehr erfahren, als die Mutter ihren Söhnen je erzählt hat.
Im Frühjahr soll der Film über die unkonventionelle Frau, Autorin, Germanistin und Lehrerin, die so sensibel wie unerbittlich ist, im Kino gezeigt werden.
Ditta Rudle