The eye should learn to listen before it looks. (Robert Frank)
Wenn man Roni Ben Ari zum ersten Mal begegnet, ist sie nur schwer einzuschätzen. Die attraktive und elegante Frau könnte eine Lady der Gesellschaft oder eine erfolgreiche Managerin sein. Bis man nach einem Gespräch mit ihr feststellt, dass sie eine sehr sensible Künstlerin und hervorragende Fotografin ist, die sich vor allem mit sozialen, aber auch historischen Themen auseinandersetzt. Ihr soziales Engagement zieht sich wie ein roter Faden durch ihr Werk. Es sind vor allem die Außenseiter und die sozial Benachteiligten, die sie in ihren Bann ziehen. Menschen, die für die Gesellschaft unsichtbar sind und von dieser ignoriert werden.
Eine der vielen Ausstellungen von Ben Ari war die berührende und viel beachtete Präsentation über das in Rumänien abseits der Stadt liegende Dorf der Sinti und Roma.
Bevor Ben Ari fotografiert, nähert sie sich zunächst, indem sie mit den Menschen lebt. Zum Beispiel wurden die Fotos von Țigancă für ihr Projekt Journey in Search erst aufgenommen, nachdem sie etwa ein Jahr mit den Roma gelebt hatte.
Roni Ben Ari begann das Projekt nach dem Tod ihrer Mutter, die in Cluj-Napoka, Rumänien, geboren wurde. Eine Stadt, die historisch eine große Minderheit von Roma und Sinti hatte. Für ihre Arbeit weilte die Künstlerin ein Jahr im Lande, um authentische Fotos zu machen und mit der Absicht, den Betrachtern so die Möglichkeit zu bieten, sich atmosphärisch mit den Gefühlen und Stimmungen dieser Menschen auseinander zu setzen. Es war für sie auch eine Reise in die Vergangenheit, stammte doch ihre Mutter aus diesem Gebiet, die auch Kontakte zu dieser in sich geschlossenen Gemeinschaft hatte.
Aber auch in Israel war Ben Ari stets auf der Suche nach Themen, die sie berührten. So schuf sie auch eine Serie über die äthiopischen Juden, sowie über die Obdachlosen, die, unbeachtet von der Gesellschaft, im Winter frierend, die Nächte in Kartonschachteln verbringen. International viel beachtet ist ihre Dokumentation über die Prostituierten in Jerusalem, aber auch in anderen Städten, wie z.B. Amsterdam und Tel Aviv. Die Motive, die Ben Ari für ihre Kunst auswählt, sind universell gültig. Sie ermöglichen den Dialog in jedem Land.
Die UNESCO hat Roni Ben Ari daher als Beispiel für eine Künstlerin ausgewählt, der es gelungen ist, die Sensibilisierung für gesellschaftliche Themen durch Kunst zu erreichen. „Die Tatsache, dass ich in die peinlichen Geschichten der Randgesellschaften eintauche, hat oft erhebliche emotionale und körperliche Anstrengung von mir verlangt. Trotzdem bin ich sehr zufrieden damit, dass ich eine Rolle dabei spiele, diese Geschichten in den Mittelpunkt zu stellen“, berichtete die Künstlerin stolz. In Ronis Arbeiten fühlt man die Symbiose zwischen der Fotografin und den Fotografierten, womit sozusagen ein dialogisches Bild entsteht.
Ihre Themen sind aber nicht nur die Porträts von Außenseitern der Gesellschaft, sondern Ben Aris Anliegen ist es auch, ihre eigene Vergangenheit zu erforschen. So gelang es ihr durch Zufall, auf einem verstaubten Dachboden die alten Webstühle und Utensilien ihres bereits verstorbenen Vaters zu entdecken. Von den vielen Fotografien hat sie ein Muster mit Hilfe eines Animationsfilms gewebt, der in Stop-Motion-Technik aufgenommen wurde. Dabei handelt es sich um eine alte, manuelle Aufnahmetechnik, bei der ein einzelnes Bild aufgenommen wird, gefolgt von einem anderen in Zeitlupe, um die Illusion einer Animation in den verschiedenen Teilen der Maschine zu erzeugen. Heute wird diese Methode durch moderne Verfahren ersetzt, ähnlich wie bei den alten Webstühlen, die nun digital betrieben werden. Ihrem Vater gelang es nicht mehr, sich an die neue, digitale Welt anzupassen. Die daraus entstandene bemerkenswerte Show wurde auch im Textilmuseum der polnischen Stadt Lodz gezeigt – jener Stadt, in der ihr Vater vor dem Krieg lebte. Roni erforschte aber nicht nur die Vergangenheit ihrer Familie, sondern auch die ihres Ehemanns Danny Ben Ari.
Roni Ben Ari hat sich unter anderem der israelischen Heroine gewidmet. Denn Mira Ben Ari (die Mutter ihres Ehemannes) war eine vorbildliche Persönlichkeit. Sie wurde nicht nur zum Vorbild und Symbol des Frauenkorps der israelischen Streitkräfte, sondern für Frauen in Israel im Allgemeinen. Mira Ben Ari wurde während des Unabhängigkeitskriegs Israels bei einer Schlacht des Kibbuz Nitzanim getötet. Im dortigen Bildungs- und Kulturerbe-Zentrum wurde später ein Denkmal für die weiblichen Soldatinnen zu Ehren dieser Heldin errichtet.
Außerdem gelang es Roni Ben Ari mit viel Ausdauer die Werke des Großvaters ihres Mannes ausfindig zu machen. Nach dem Tod seiner Tochter Mira hatte sich Theodor Glasscheib intensiv um seinen damals zweijährigen Enkel Danny gekümmert. Dieser Großvater war nicht nur bildender Künstler, sondern auch Schriftsteller. Theodor Glasscheib verfasste für die deutschsprachige Zeitung Jedioth Chadashot in Israel am Ende der 1950er und zu Beginn der 1960er Jahre eine Reihe von Fortsetzungsromanen, in deren Mittelpunkt das Leben jüdischer Familiengenerationen steht: beginnend Mitte des 19. Jahrhunderts in Polen, später in Wien und Berlin und bis zur Zeit der Staatsgründung Israels.
Roni Ben Aris Wunsch ist es, dass diese Romane und literarische Werk von Theodor Glasscheib einer breiteren, deutschsprachigen Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden.
Roni Ben Ari wurde 1947 in Ramat Gan als Tochter von Miriam und Abraham Halpern, einem Textilindustriellen, geboren. Heute lebt sie in Moshav Netaim mit ihrem Ehemann Danny Ben Ari (Sohn von Mira Ben Ari). Sie haben drei Töchter, die alle im selben Mishav leben.
Roni Ben Ari ist Absolventin des Beit Berl Academic College, der Journalistenschule in Tel Aviv und des College for Geographic Photography. Bevor sie sich der Fotografie widmete, arbeitete sie als Nachrichtendirektorin und Reporterin beim Israelischen Rundfunk in der Kulturabteilung und bei Kanal Zwei.
Ihre künstlerischen Arbeiten waren in Einzel- und Gruppenausstellungen, sowohl in Israel, als auch weltweit zu sehen. Man findet sie in Museen sowie in privaten Sammlungen.
Die Aufzählung der zahlreichen Auszeichnungen, mit denen Roni Ben Ari geehrt wurde und ihre Ausstellungsliste würden den Rahmen dieses Artikels sprengen.