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40 Jahre nach dem Olympia-Massaker von München

Dror Zahavi zeigt den "Schwarze September" im Film

Vor bald vierzig Jahren – am 5. September 1972 – überfielen acht Mitglieder der palästinensischen Terrororganisation „Schwarzer September" während der Olympischen Spiele in München das Quartier der israelischen Sportler. Den Geist dieser Olympiade, das Geiseldrama, die Eskalation der missglückten Befreiungsaktion und die Erinnerungen überlebender israelischer Sportler thematisiere nein Spielfilm und zwei Dokumentationen.

Als „Lage 21" wird ein Geiseldrama im Olympischen Dorf vorgestellt. Ein Psychologe beschreibt das Szenario eines Überfalls auf das Wohnquartier des israelischen Sportteams. Der Polizeipräsident winkt amüsiert ab und wendet sich dem Beispiel einer Demo am Olympiasee zu. Der Satz des Psychologen: „Terroristen sind bereit für ihre Sache zu sterben" geht im allgemeinen Desinteresse unter. Dies ist einer der stärksten Momente in einem an bemerkenswerten Momenten reichen neuen Spielfilm in der Regie des Israeli Dror Zahavi.

Filmausschnitt
Szene aus "München 72 – Das Attentat"

Die Idee eines Spielfilms existierte beim ZDF schon lange. 2005 war der Spielfilm „München" von Steven Spielberg in die Kinos gekommen. Und es war klar, dass „München 72" den Nahostkonflikt mit israelischen und palästinensischen Darstellern, soweit möglich an Originalschauplätzen und unter Einbeziehung neuester Erkenntnisse, also alles in allem anders und trotzdem sehr spannend thematisieren musste. Uli Weidenbach, zuständig für die Fachberatung, hatte nach seiner ersten Dokumentation zum Thema „Der Olympia-Mord: München 72" von 2006 weitergeforscht. Er sprach nicht nur mit den Hinterbliebenen der Opfer wie Ankie Spitzer, sondern führte vor dessen Ableben auch Interviews mit Abu Daoud, einem der Drahtzieher des Olympia-Attentats, sowie mit dem Vater von „Issa", dem Anführer des Terrorkommandos.

Was der 90-minütige Spielfilm über 21 Stunden einer tödlich endenden Geiselnahme dramaturgisch zugespitzt im März 2012 im ZDF illustrierte, wurde in Weidenbachs anschließend ausgestrahlter Dokumentation ausdrücklich belegt. Und immer neue unnötige wie unverzeihliche Pannen werden offenbart. Der abgeschmetterte Versuch, einen Terrorüberfall durchspielen zu wollen, ist ebenso verbürgt wie die falsche Anzahl Attentäter, die beim Showdown erwartet wurde. Im für den vermeintlich freien Abzug bereitgestellten Flugzeug in Fürstenfeldbruck sollten deutsche Spezialkräfte die Terroristen überwältigen. Als sie sich ihrer mangelnden Ausstattung und Vorbereitung bewusst wurden, zogen sie ab – ohne Erlaubnis und ohne Information des Krisenstabs. Eine Fülle von Planungsmängeln im Vorfeld und Fehlentscheidungen in der Krisensituation führten also geradewegs in eine komplette Katastrophe.
Die Olympischen Spiele 1972 in München waren – ganz im Kontrast zu jenen von 1936 in Berlin – als heiter, weltoffen und tolerant geplant.

Das Sicherheitskonzept war sträflich lasch, die Polizei vor Ort unbewaffnet, das Olympische Dorf unzureichend überwacht, eine Antiterroreinheit nicht vorhanden, die Befreiungsaktion am Militärflughafen in Fürstenfeldbruck chaotisch. Die Bilanz: keiner der Entführten überlebt, fünf Terroristen und ein deutscher Polizist sterben im Kugelhagel. Ulrich K. Wegener, damals Adjutant des deutschen Bundesinnenministers Genscher und späterer Chef der GSG 9-Antiterroreinheit, erinnert sich bis heute an das stümperhafte Münchner Krisenmanagement: „Es waren die schlimmsten Stunden meiner beruflichen Laufbahn – weil ich nichts tun konnte.“ Im Film wird Wegener von Benjamin Sadler verkörpert. Heino Ferch mimt den überforderten Polizeipräsidenten Waldner, eine der wenigen historischen Persönlichkeiten, die nicht unter ihrem tatsächlichen Namen firmieren darf.

Für den Regisseur Dror Zahavi war es wichtig, Authentizität in den Physionomien und der Sprache der Darsteller  zu schaffen. Dass einige der israelischen Darsteller vor drei Jahren noch in der israelischen Armee unter Waffen gestanden hatten, brachte eine besondere Dynamik in die Dreharbeiten. Und mit dem Schauspieler Shredy Jabarin, einem israelischen Araber, der den Anführer „Issa" Lutif Affif verkörpert, arbeitete Zahavi bereits in dem Drama über einen Selbstmordattentäter in „Alles für meinen Vater" (2008) erfolgreich zusammen.

„Die Chiffre ‚München 72’ steht", so Daniel Blum von der Redaktion Fernsehfilm II des ZDF, „auch für das Ende der Unschuld im Umgang mit den bis auf den heutigen Tag stetig wachsenden Bedrohungen durch den international agierenden Terrorismus. Insofern hat das Olympia-Attentat eine größere Veränderung in Staat, Gesellschaft und der persönlichen Wahrnehmung von (Un-)Sicherheit nach sich gezogen, als die jahrzehntelangen terroristischen Angriffe der RAF."

 

München 72 – Das Attentat, Fernsehfilm von Dror Zahavi, Erstausstrahlung im ZDF am 19. 3. 2012.

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