Gedenken an einen Lebensretter

Am 9. November – an einem sonnigen Tag, so Ari Rath in seiner Rede – wurde vor dem Haus Marc-Aurel-Straße 5 eine Gedenktafel für Aron Menczer feierlich enthüllt.

Martin Vogel, Blacky Schwarz, Ari Rath und Leo Luster

Die Flagge Israels verbarg die Inschrift vor dem zahlreich erschienenen Publikum, nur unten konnte auf der einen Seite Metall, auf der anderen Stein erspäht werden. Die Gedenktafel, von Alexander Kubik gestaltet, besteht aus einem in Metall eingefassten beschrifteten Marmorblock, der aus dem Sinai gebrochen und von Israel nach Wien importiert worden war. Sie befindet sich auf dem Gehsteig vor dem Haus Nr. 5 und nicht am Haus, dies verwehrte der Eigentümer, "Herr Billa", Karl Wlaschek. Am Gehsteig zieht die Tafel aber sicherlich viel mehr Aufmerksamkeit auf sich als an der Hausfront. In diesem Gebäude in der Marc-Aurel-Straße 5 war das Palästinaamt untergebracht und die Jugendalijah-Schule, die von Aron Menczer von 1938 bis zur Schließung durch die Nazibehörden 1941 geleitet wurde. Der charismatische Leiter verhalf vielen Kindern und Jugendlichen zur Auswanderung nach Palästina und rettete dadurch ihr Leben. Die JUAL war aber auch eine Oase der Geborgenheit inmitten einer feindlich gesinnten Umwelt. Als Menczer eine Gruppe Jugendlicher nach Palästina begleitete, traf er dort seine Eltern und Brüder, die ihn daran hindern wollten, nach Wien zurückzukehren. Doch Aron Menczer sagte zu seinem Bruder: "Mendel, solange noch ein jüdisches Kind in Wien ist, bin ich dort." 1942 wurde Menczer nach Theresienstadt deportiert, wo er weiterhin als Erzieher arbeitete. 1943 begleitete er freiwillig 1260 Waisenkinder aus Białystok in das Vernichtungslager Auschwitz, wo er mit ihnen in den Gaskammern von Birkenau II emordet wurde.

Initiiert wurde das Gedenktafelprojekt, das maßgeblich vom Zukunftsfonds der Republik Österreich und dem Nationalfonds der Republik Österreich für Opfer des Nationalsozialismus unterstützt wurde, von der "Tafelrunde": Ari Rath, Dr. Martin Vogel, Leo Luster, Susanne Höhne, Dr. Elisabeth Boeckl-Klamper, Dr. Doron Rabinovici, Dr. Ruth Beckermann und Benjamin Kaufmann. Nach der Begrüßung durch Susanne Höhne sprachen Mag. Hannah Lessing, Generalsekretärin des Nationalfonds, Bezirksvorsteherin Ursula Stenzel und Kulturstadtrat Dr. Andreas Mailath-Pokorny. Hannah Lessing erinnerte an die Vorbildwirkung von Aron Menczer: "Sein Leben und sein Sterben hat Aron Menczer den ihm anvertrauten Kindern und Jugendlichen gewidmet. Er hat sich seine Ideale nicht nehmen lassen. Er ist geblieben, als die meisten anderen gegangen sind. Er hat sich um andere gesorgt, obwohl er jeden Grund hatte, sich um sich selbst zu sorgen. Eine solche Stärke ist es wert, dass man ihrer in Respekt und Dankbarkeit gedenkt." Wien sei eine Stadt mit vielen Denkmälern, die an "Großes" erinnern, so Lessing, vielleicht sei aber gerade "der Sieg eines einzelnen Menschen über seine eigene Angst angesichts eines grausamen Unrechtsregimes etwas, das besonders zählt". Des Weiteren kamen zwei Zeitzeugen zu Wort, Ari Rath, der als 13jähriger gemeinsam mit seinem Bruder aus Wien fliehen konnte und mit einem Kindertransport nach Palästina gelangte, und Martin Vogel, einer der engsten Mitarbeiter Aron Menczers, der immer wieder betonte: "Er war ein Mensch." Der Wiener Jüdische Chor unter der Leitung von Roman Grinberg sorgte für den feierlichen musikalischen Rahmen und animierte viele der BesucherInnen, leise mitzusingen. Nach der Segnung der Gedenktafel durch den Oberrabbiner der Israelitischen Kultusgemeinde Wien, Paul Chaim Eisenberg, wurde sie von Ari Rath und Martin Vogel enthüllt. Daraufhin sangen Ari Rath und Leo Luster, der selbst Mitglied der JUAL war und mit demselben Transport nach Theresienstadt deportiert worden war wie Aron Menczer, ein Lied, das sie damals in der JUAL gesungen hatten, was sehr berührend war. Im Anschluss an den Festakt wurden im Theater Nestroyhof Hamakom, nachdem sich die BesucherInnen am Buffet gestärkt hatten, zwei Filme gezeigt. Die Dokumentation "Die Kinder der Marc-Aurel-Straße 5" von Tova Korczyn begleitete Ezra Peri, Ora Kedem, Leo Luster und Martin Vogel zu den Plätzen ihrer Kindheit in Wien. Leo Luster zeigt in einem Hof nach oben, im dritten Stock hatte er mit seiner Familie gewohnt, bevor sie vom Nazi-Hausmeister rausgeworfen wurden. Luster ist auch Protagonist im zweiten Film, auch dort zeigt er im selben Hof nach oben, das Thema des zweiten Filmes ist aber ein anderes. Michael Pfeifenberger untersucht in seinem in Israel und Österreich gedrehten Dokumentarfilm "Call me a Jew" das Tabuthema Shoah. Im Dialog mit ihren Großeltern erkennen junge Israelis deren Unfähigkeit, über ihre Vergangenheit als Holocaust-Überlebende zu sprechen. Das Tabu betrifft aber nicht nur die Opfer, sondern auch die Täter. Die Morde an Juden, Roma, Sinti, Homosexuellen, Behinderten werden hierzulande weitgehend verdrängt. Verdrängen und Vergessen, nur so konnte beispielsweise in Ebensee eine Wohnsiedlung auf dem ehemaligen Lagergrund gebaut werden. Ein sehr eindrucksvoller Film gegen das Vergessen, der am 14. Dezember bei den 14th Jerusalem Jewish Filmfestival seine israelische Premiere hat.

Im Zusammenhang mit dem Gedenken an Aron Menczer wird auf Initiative von Benjamin Kaufmann und INW Herausgeberin und Chefredakteurin Dr. Joanna Nittenberg das 1993 vom Böhlau Verlag und der jüdischen Gemeinde herausgegebene Buch: "Trotz allem... Aron Menczer 1917-1943", das heute vergriffen ist, in der Edition INW neu herausgegeben. Neben dem vorhandenen Material, werden Essays der, am Dokumentationsarchiv des Österreichischen Widerstandes beschäftigten, Historikerin Dr. Elisabeth Klamper, eine der Ersten, die das Erbe Aron Menczers untersuchte, und des Schriftstellers und Historikers Dr. Doron Rabinovici, der sich in seiner Dissertation mit der Situation der Kultusgemeinde nach dem Anschluss, den wissenschaftlichen Teil der Publikation ergänzen. Auch der zweite Teil, bestehend aus berührenden Niederschriften von Zeitzeugen, die die JUAL unter Aron Menczer besuchten, soll um weitere Erinnerungen ergänzt werden. Außerdem ist geplant, bisher unveröffentlichtes Fotomaterial aus den Archiven der JUAL-Schüler Ernst Schindler und Martin Vogel zu veröffentlichen. Vorbestellungen unter neue-welt@chello.at

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