Der Journalist Arye Gurdus ist in Israel normalerweise für seine trockenen und akkuraten Berichte bekannt. Doch nun konnte er seine Begeisterung nicht im Zaun halten: "Wir sind einfach ein Volk von Genies!", frohlockte der sonst so selbstkritische Gurdus in einer Live-Schaltung. Seine Ekstase wurde von zwei Feuerbällen ausgelöst, die über seinem Büro im Himmel von Tel Aviv aufflammten. Wieder einmal hatte das Raketenabwehrsystem "Iron Dome" zwei palästinensische Raketen, die den Stadtkern von Israels wichtigster Metropole treffen sollten, in der Luft pulverisiert. Kurz nach Beginn der Operation "Säulen der Verteidigung" gegen die radikal-islamische Hamas in Gaza steht in Israel bereits ein Kriegsheld fest: Begeistert feiert das Land seine neue Luftabwehr.
Dabei verfügt die Armee (IDF) über eine ganze Palette neuer Waffen: Bei Luftangriffen im Gazastreifen gab es im internationalen Vergleich nur eine relativ niedrige Opferzahl, dies ist das Resultat monatelanger Vorbereitung durch den Geheimdienst, punktgenauer Aufklärung mit unbemannten Drohnen und dem Einsatz hoch-präziser Munition. Doch trotz dieser Leistung ist Iron Dome der Star. In knapp vier Jahren machte das Verteidigungsministerium diese Weltneuheit einsatzbereit. Bis Sonntagfrüh schossen Palästinenser rund 850 Raketen auf israelische Städte ab. Etwa 100 waren Blindgänger, die Mehrzahl landete auf leeren Feldern. Doch immerhin 307 wären in Ballungsgebieten niedergegangen, hätte Iron Dome nicht 267 von ihnen noch auf ihrem Weg in der Luft zerstört - eine Erfolgsrate von über 85%. Nur 40 Geschosse durchbrachen bis Sonntagmorgen die Luftverteidigung. Selbst Kritiker bewerten Iron Dome deswegen inzwischen als technische Meisterleistung: Eine Kassam fliegt schneller als 250 Meter pro Sekunde. Da ihr Treibstoff nicht industriell hergestellt wird, variiert fortwährend ihre Geschwindigkeit, sie taumelt durch die Luft. Trotzdem berechnet 'Iron Dome' in Bruchteilen von Sekunden, wo sie niedergehen wird, und greift nur die Raketen an, die in bewohnten Gebieten explodieren würden. Iron Dome wurde so zu einer strategischen Waffe, die den Kriegsverlauf beeinflusst: "Keine Frage: Wären 300 Raketen in unseren Städten explodiert, sähe sich Israels Regierung längst gezwungen, in Gaza einzumarschieren", schätzt der Fernsehkommentator Udi Segal.
Dieser technologischen Überlegenheit der Israelis begegneten die Palästinenser hauptsächlich mit Quantität. In vergangenen Jahren schmuggelte die Hamas tausende Kurz- und Mittelstreckenraketen in den Landstrich. Unter anderem die sechs Meter große iranische "Fajer-5", mit einem 90 Kilogramm schweren Sprengkopf und einer Reichweite von über 70 Kilometer. So können sie erstmals auch Tel Aviv und Jerusalem beschießen. Laut eigenen Angaben gelang es den Islamisten ferner, eigene Raketen vom Typ M75 mit derselben Reichweite herzustellen. Um sich vor der israelischen Aufklärung zu schützen, vergrub die Hamas tausende Raketen in getarnten, unterirdischen Abschussrampen, die teilweise per Fernbedienung aktiviert werden. Dabei riskiert die Hamas scheinbar nicht selten das Leben ihrer eigenen Bürger: Ein großer Teil der Rampen soll sich in oder direkt neben Wohnhäusern, Tankstellen, teilweise auch Schulen oder Moscheen befinden. Doch längst begnügt sich die Hamas nicht mit Raketen, die sie in Hinterhöfen selbst zusammenschweißt. Laut Angaben der israelischen Armee entwickelten die Islamisten ihre eigenen unbemannten Aufklärungsdrohnen.
Beide Seiten konnten bisher Erfolge feiern: Der Hamas gelang es tagelang Israel zu beschießen, Israel tötete mit hoher Genauigkeit Hamas-Aktivisten und wehrte die Mehrheit der Raketen ab. Folge ist eine neue Pattsituation, die beide Seiten den Sieg auf einem anderen Schlachtfeld suchen lässt: Elektronik, Medien und Diplomatie. Seit Beginn der Kampagne "Säulen der Verteidigung" zählten israelische Behörden mehr als 44 Millionen Cyberattacken auf Regierungswebseiten. Israels Armee kaperte ihrerseits das offizielle Hamas Radio und übermittelte den Bewohnern Gazas eine Nachricht: "Die Hamas spielt mit Feuer und Eurem Leben! Haltet Euch von Hamas Einrichtungen und Aktivisten fern!" Gleichzeitig befinden sich Hamas und IDF auf Facebook, Twitter und in Blogs in einem ständigen Dialog, reagieren unmittelbar auf Veröffentlichungen der Gegenseite. So bleibt beiden am Ende nur die Diplomatie, um den Waffengang in Gaza zu entscheiden, oder mit einem weiteren Patt zu beenden.